Zwischen Überwachung und kulturellem Erbe: Lübecker Drehbuchstipendium geht in die vierte Runde
Lübeck, 5. November 2026. Drei Filmschaffende, zwei außergewöhnliche Projekte: Bei der Eröffnung der 68. Nordischen Filmtage Lübeck wurden die neuen Stipendiat:innen des Lübecker Drehbuchstipendiums vorgestellt. Im vierten Jahrgang beschäftigen sich die ausgewählten Stoffe mit staatlicher Kontrolle, persönlicher Freiheit und der Frage, wie wir Geschichte erzählen.
Im Rahmen der feierlichen Festivaleröffnung am gestrigen Mittwochabend, 4. November, wurden die Stipendiat:innen des Lübecker Drehbuchstipendiums 2026/27 bekannt gegeben. Arne Körner und Rafael Stachowiak erhalten die Förderung in der Kategorie Kino für ihr gemeinsames Spielfilmprojekt Rosa Liste. In der Kategorie Visuelle Erzählung wurde Johanna Domke mit ihrem hybriden Dokumentarfilmprojekt Die andere Seite der Maske ausgezeichnet. Beide Stoffe greifen historische und gesellschaftliche Fragen auf und nähern sich ihnen aus ungewöhnlichen Perspektiven. Förderer des Programms ist die Possehl-Stiftung.
„Die beiden Projekte zeigen, wie vielfältig und gesellschaftlich relevant filmisches Erzählen sein kann. Während sich ‚Rosa Liste‘ mit staatlicher Überwachung und dem Ringen um die eigene Identität beschäftigt, hinterfragt ‚Die andere Seite der Maske‘ unseren Blick auf Geschichte und kulturelles Erbe. Beide Stoffe greifen Themen auf, die bis heute aktuell sind, und finden dafür ganz eigene erzählerische Zugänge. Wir freuen uns darauf, die Filmemacher:innen bei der Weiterentwicklung ihrer Ideen zu begleiten“, sagt Martin Rehbock, Projektleiter des Lübecker Drehbuchstipendiums.
Rosa Liste – Zwischen staatlicher Überwachung und persönlicher Freiheit
Hamburg, 1980: Der Lübecker Polizist Otto Kessel übernimmt auf der Davidwache einen neuen Auftrag. Er soll homosexuelle Männer heimlich beobachten und ihre Namen in der sogenannten Rosa Liste erfassen. Doch als er unter falscher Identität selbst in die Szene eintaucht und sich in einen Mann verliebt, gerät sein bisheriges Leben aus den Fugen. Zwischen seiner Familie, der Polizei und den Machenschaften der DDR-Staatssicherheit muss Otto sich schließlich seiner eigenen Identität stellen.
Mit Rosa Liste greifen der Hamburger Regisseur und Drehbuchautor Arne Körner und der Schauspieler Rafael Stachowiak ein wenig bekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte auf: die systematische Überwachung homosexueller Männer durch die Hamburger Polizei. Ausgehend von wahren Begebenheiten entwickeln sie einen politischen Thriller, der Spionagegeschichte und Liebesdrama verbindet und Fragen nach Selbstbestimmung, gesellschaftlicher Ausgrenzung und staatlicher Kontrolle stellt.
Arne Körner studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bei Wim Wenders. Seine Filme wurden auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt, darunter mehrfach bei den Nordischen Filmtagen Lübeck. Rafael Stachowiak ist seit vielen Jahren als Schauspieler für Film, Fernsehen und Theater tätig und gehört seit 2009 zum Ensemble des Hamburger Thalia Theaters. Die beiden arbeiteten bereits bei Körners Kinofilm Gasmann (2019) zusammen. Auch in Rosa Liste soll Stachowiak die Hauptrolle übernehmen.
„Die andere Seite der Maske“ – Eine Reise zwischen Lübeck und Kamerun
Wem gehört ein Kulturobjekt – und wer bestimmt, welche Geschichte es erzählt? Diesen Fragen geht die Lübecker Filmemacherin Johanna Domke in ihrem Projekt Die andere Seite der Maske nach. Im Mittelpunkt steht eine afrikanische Ritualmaske aus dem Kameruner Grasland, die heute zur Sammlung Kulturen der Welt in Lübeck gehört. Ihre Geschichte führt von einem ehemaligen König der Bamileke über einen deutschen Kunstsammler bis in ein Lübecker Museumsdepot.
Gemeinsam mit dem Leiter der Sammlung Kulturen der Welt, Dr. Lars Frühsorge, und dem Künstler Maxim Mballa Tagny soll die Reise zurück nach Kamerun führen. Dabei geht es nicht allein um die Herkunft der Maske, sondern auch um unterschiedliche Vorstellungen von Besitz, kultureller Identität und Erinnerung. Statt fertige Antworten zu liefern, möchte Domke die Perspektiven der Menschen sichtbar machen, die mit dem Objekt und seiner Geschichte verbunden sind.
Die andere Seite der Maske ist als hybrider Dokumentarfilm angelegt, der dokumentarische Recherche mit experimentellen und inszenierten Elementen verbindet. Johanna Domke wuchs im Raum Lübeck auf und studierte Freie Kunst sowie Filmregie und Drehbuch. Ihre international gezeigten Arbeiten bewegen sich häufig an der Schnittstelle zwischen Dokumentarfilm und bildender Kunst. Seit 2020 lebt und arbeitet sie wieder in Lübeck, unter anderem als Autorin und Regisseurin für den NDR.
Über das Lübecker Drehbuchstipendium
Das Lübecker Drehbuchstipendium wird seit 2023 von den Nordischen Filmtagen Lübeck jährlich an zwei Projekte vergeben. Das erste gilt einem neuen, programmfüllenden fiktionalen Kinoprojekt, das zweite einer Idee für eine in Format und Plattform offene audiovisuelle Erzählung, etwa als VR-Experience, 360°-Fulldome-Produktion oder Serie. Während ihrer Residenzen in Lübeck entwickeln die Stipendiat:innen ihre Projekte durch Recherche, Austausch und Begegnungen in der Hansestadt weiter und stellen ihre Arbeit auch in öffentlichen Veranstaltungen vor.