68. Nordische Filmtage Lübeck mit Hommage-Programm von Anne Lajla Utsi
Lübeck, 22. September 2026. Wie erzählt man in nur fünf Werken die Geschichte einer Filmkultur, die jahrzehntelang kaum sichtbar war und heute international Aufmerksamkeit erhält? Das gelingt Anne Lajla Utsi, Ehrenpreisträgerin der 68. Nordischen Filmtage Lübeck.
Die Nordischen Filmtage Lübeck präsentieren das Hommage-Programm, kuratiert von Ehrenpreisträgerin Anne Lajla Utsi: Mit einer sehr persönlichen Auswahl von fünf Filmen zeichnet die Leiterin des International Sámi Film Institute fast vier Jahrzehnte Filmgeschichte der Sámi nach, zu entdecken während des Festivals vom 4. – 8.11.2026. Die Hommage ist Teil eines Schwerpunktes des diesjährigen Filmfestivals, der sich durch verschiedene Sektionen und Veranstaltungen ziehen wird: das Filmschaffen der Sámi und Geschichten aus der nördlichsten Filmkultur Europas.
Hommage: Entdeckung der Sámi-Filmgeschichte in fünf Filmen
Jeder der fünf ausgesuchten Filme kennzeichnet einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung des Sámi-Kinos. Gemeinsam erzählen sie, wie aus einer lange unterdrückten Erzählkultur eine weltweit anerkannte Filmindustrie geworden ist. Vom internationalen Durchbruch über die Rückgewinnung von Sprache und kultureller Identität bis hin zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten, spannt die Auswahl einen Bogen bis in die Gegenwart.
Die Bekanntgabe bildet den Auftakt zur Programmveröffentlichung der 68. Nordischen Filmtage Lübeck: In den kommenden Wochen folgen weitere Einblicke in das diesjährige Festivalprogramm.
Anne Lajla Utsi, Ehrenpreisträgerin der 68. Nordischen Filmtage Lübeck, erklärt zu ihrer Auswahl: „Diese fünf Filme zeigen die Geschichte eines Kinos, das über viele Jahre um Sichtbarkeit kämpfen musste und heute selbstbewusst seine eigenen Geschichten erzählt. Die Filme stehen für unterschiedliche Generationen, Perspektiven und Ausdrucksformen und zeigen zugleich, wie lebendig und vielfältig das sámi Kino heute ist.“
Hanna Reifgerst, Künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage Lübeck: „Die Hommage ist keine Retrospektive aus nostalgischen Gründen. Sie zeigt vielmehr, wie aus einer lange marginalisierten Kultur eine dynamische, weltweit wahrgenommene Kinolandschaft entstanden ist. Anne Lajla Utsis Auswahl blickt deshalb nicht nur zurück, sondern lässt das Publikum erfahren, warum das sámi Kino heute relevanter ist denn je.“
Den Ausgangspunkt der Hommage bildet Pathfinder (1987, OT: Ofelaš) von Nils Gaup. Der Oscar-nominierte Spielfilm machte das sámi Kino erstmals weltweit sichtbar und gilt bis heute als Meilenstein arktischer Filmgeschichte – und Durchbruch des sámi Kinos. Nils Gaup wird bei den Nordischen Filmtagen Lübeck die Laudatio auf Ehrenpreisträgerin Anne Lajla Utsi halten und im Anschluss an die Vorführung für ein Publikumsgespräch zur Verfügung stehen.
Das Mädchen aus dem Norden (2016, OT: Sameblod) von Amanda Kernell erzählt die Geschichte eines 14-jährigen Mädchens, das seine Herkunft verleugnet, um in der schwedischen Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden. Der vielfach ausgezeichnete Spielfilm machte die Erfahrungen vieler Sámi erstmals einem weltweiten Publikum zugänglich. Amanda Kernell gehört heute zu den wichtigsten Stimmen des zeitgenössischen nordischen Kinos.
Je'vida (2023) von Katja Gauriloff zeigt, wie eng Sprache und Erinnerung miteinander verbunden sind. Als erster Spielfilm in Skolt-Sámi macht er eine fast verschwundene Sprache hörbar und verdeutlicht, wie Film zum Erhalt kulturellen Erbes beitragen kann. Skolt-Sámi wird von der UNESCO als vom Aussterben bedrohte Sprache geführt. Jeʹvida war bereits 2023 Teil des Festivalprogramms.
Mit Rádji (2021) von John Erling Utsi und Georg Götmark richtet sich der Blick schließlich auf aktuelle Konflikte wie Landrechte und Selbstbestimmung der Sámi. Sápmi erstreckt sich über mehrere Nationalstaaten, die Sámi verbindet jedoch eine gemeinsame Kultur, Geschichte und Lebenswirklichkeit über diese Grenzen hinweg. Der Dokumentarfilm greift damit eine Idee auf, die auch im europäischen Gedanken steckt: Es gibt mehr, was uns eint, als was uns trennt.
Einen besonderen Bezug zu Lübeck schafft schließlich Homecoming (2023, OT: Máhccan – Kotiinpaluu) von Suvi West. Als der Film 2023 beim Festival zu sehen war, kamen Regisseurin Suvi West und Dr. Lars Frühsorge, Direktor der Sammlung Kulturen der Welt der Lübecker Museen, erstmals über Sámi-Kulturgüter in den Lübecker Sammlungen ins Gespräch. Am 5. November 2026 wird dieser Austausch gemeinsam mit Gästen aus Sápmi im Museum für Natur und Umwelt fortgesetzt: Was hat sich in den vergangenen drei Jahren getan, und wie wird heute mit Fragen der Restitution und Rückführung umgegangen? Der Eintritt zum Gespräch ist frei.
Ergänzt wird die Hommage durch ein Kurzfilmprogramm mit Arbeiten einer jungen Generation Filmschaffender, insbesondere Regisseurinnen, die mit unterschiedlichen filmischen Handschriften neue Perspektiven auf Identität, Gemeinschaft, Natur und Zukunft eröffnen. Weitere Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme sowie Veranstaltungen werden mit der Veröffentlichung des Gesamtprogramms am 13. Oktober bekannt gegeben.
Die Sámi sind das einzige völkerrechtlich anerkannte indigene Volk in der EU und Skandinavien. Ihr traditionelles Siedlungsgebiet Sápmi erstreckt sich über Norwegen, Schweden, Finnland und Teile Russlands. Lange Zeit wurden ihre Geschichten im Kino kaum oder nur aus der Perspektive anderer erzählt. Seit den 1980er-Jahren hat sich jedoch eine eigenständige Sámi-Filmindustrie entwickelt, die heute international Beachtung findet und ihre Geschichten selbst erzählt. Einen entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung hatte auch Anne Lajla Utsi. Als langjährige Leiterin des International Sámi Film Institute (IFSI) begleitete sie den Aufbau nachhaltiger Förderstrukturen, unterstützte Filmschaffende aus ganz Sápmi. Ihre Filmauswahl ist deshalb ein persönlicher Blick auf eine Entwicklung, die sie über viele Jahre selbst mitgestaltet hat.
Die 68. Nordischen Filmtage Lübeck finden vom 4. bis 8. November 2026 statt.
Über das Festival: Erstmals 1956 veranstaltet, zählen die Nordischen Filmtage Lübeck zu den traditionsreichsten Filmfestivals weltweit. Sie sind das einzige große Publikumsfestival sowie wichtiger Treffpunkt für die Filmbranche in Deutschland und Europa, das sich ganz auf die Präsentation von Filmen aus dem Norden und dem Nordosten des Kontinents spezialisiert hat. Es wird von der Hansestadt Lübeck in Zusammenarbeit mit den Filminstituten und Filmstiftungen der Nordischen Staaten sowie den Filminstitutionen der baltischen Länder ausgerichtet.